Die Desintegration der balkanischen Roma in Deutschland und die Bedienung des gesellschaftlichen Antiziganismus

MARKO D. KNUDSEN·MONTAG, 9. MAI 2016
Jahrzehnte in Deutschland lebende Roma werden massenweise in sog. sichere Herkunftsstaaten abgeschoben, wobei diese nur die jeweilige Mehrheitsbevölkerung sicher ist. Für die Betroffenen selbst sind diese sog. sicheren Herkunftsstaaten alles andere, nur nicht sicher.
Das Leid der Roma-Familien, die aus einem für sie sicheren Deutschland in eine ungesicherte Zukunft, in das ehemalige Jugoslawien verbracht zu werden, scheint nicht beachtenswert zu sein. Die großen Volksparteien scheinen nur noch Abschiebungen im Kopf zu haben. Und wer eignet sich für Abschiebungen am besten? Die Roma! Die kann ja sowieso keiner leiden. Für die Abschiebung derer, die integriert leben, soweit man ihnen dieses ermöglichte. Ermöglicht wurde aber den wenigsten eine Arbeitsaufnahme von mehr als zwei Stunden im Tag. Warum? Damit die Roma auf einem Duldungsstatus (=Aussetzung der Abschiebung) verbleiben müssen und sich damit keinen Anspruch auf einen Aufenthaltstitel erarbeiten können.
In dem Umgang mit Roma zeigt sich der deutsche Antiziganismus klar; Duldung soll aufrechterhalten werden bis es eine Abschiebungsmöglichkeit gibt. Ergeben hat sich eine perverse Situation, in der hier geborene Menschen, die hier aufgewachsen sind, eine neue Heimat zugeschrieben bekommen mit der sie nichts aber rein gar nichts verbindet, außer die Flucht der Eltern aus diesen Ländern.
Die Gleichbehandlung, durch die Geburt eine deutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen, wird verweigert. Gute Integration interessiert nicht.
Familien und Kinder werden gnadenlos durch Abschiebungen traumatisiert, wohingegen auf die deutschen Kinder Rücksicht genommen wird. So sollen keine Kinder mehr aus dem Unterricht "deportiert" werden, damit die anderen Kinder nicht darunter leiden. Das Leiden von Roma-Kindern scheint hier keine Bedeutung zu haben.
Ein Fall hat mich besonders betroffen gemacht. Ende April rief mich ein junger Roma aus Montenegro an. Er sei 1993 in Hamburg-Altona geboren, jetzt wurde allerdings eine Identitätsumwandlung bei ihm durchgeführt, um seine Abschiebung zu ermöglichen. Er bekam einen neuen Vornamen, Nachnamen, Geburtsort und Geburtsdatum. Leider stimmt nichts davon. Trotzdem erhielt er einen Brief von der Innenbehörde aus Hamburg mit dieser Identitätsumwandlung. Wenige Tage später wurde er abgeschoben.
An einem anderen Ort, sollten zwei Geschwister abgeschoben werden, der Bruder sprang aus dem Fenster und verstarb daran. Seine Schwester wurde am selben Tag deportiert. Wenn denn die sicheren Herkunftsstaaten so sicher sind, warum springt jemand in den Tod um nicht dorthin zurückkehren zu müssen?
Dieses Vorgehen in Deutschland zeigt die tief verwurzelte antiziganistische Haltung der Mehrheitsbevölkerung diesem Volk gegenüber. Einem Volk, welches die deutschen Nationalsozialisten ausrotten wollten.
Jahrzehntelange Integrationsmaßnahmen von Roma in Kommunen werden über Bord geworfen, um zu beweisen, dass Deutschland wieder seine unbeliebteste Minderheit wieder abschiebt. Etwas haben die Volksparteien nicht auf dem Radar. Erstens, mit solchen Maßnahmen lässt sich die Rechte nicht überlisten, die wissen wer als Partei das Original ist und werden die wählen, egal wie sehr sich die Volkparteien den Rechten anbiedern werden. Zweitens wird man so die Roma nicht los. Wenn sie über 20 Jahre in Hamburg leben und abgeschoben werden, kehren sie nach Hamburg zurück, sobald dieses möglich wird. Es wird wieder möglich, denn die Menschen sind nicht dumm, sie reisen zum Großteil selbst aus, um einer Wiedereinreisesperre zu entgehen. Auf die folgenden Jahre ist klar abzusehen, dass die sog. sicheren Herkunftsstaaten bald der Europäischen Union angehören werden. Dann, spätestens dann, sind die Menschen wieder hier. Gekostet hat es wieder eine Generation der Roma ohne Perspektive.
Ich fordere eine Gleichbehandlung aller NS-Verfolgten und den Stopp aller Abschiebungen von Roma.
Marko D. Knudsen
Vorsitzender
Europäisches Zentrum für Antiziganismusforschung

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