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Über den wissenschaftlichen Ansatz von EZAF – im Nachklang der Konferenz vom 8. und 9. Oktober 2005

Über den wissenschaftlichen Ansatz von EZAF – im Nachklang der Konferenz vom 8. und 9. Oktober 2005

 

In kritischer Selbstbesinnung und nach kritischen Anregungen von Beteiligten bedarf es unsererseits einer Nachbesinnung auf den spezifischen wissenschaftlichen Ansatz von EZAF.

Die Kritik bezog sich

  1. auf die Fülle der Redebeiträge, die wenig Zeit zur Diskussion ließ. Die Veranstalter waren zeitweise als Moderatoren überfordert. Es empfiehlt sich, in der nächsten Konferenz mit professionellen Moderatoren zu arbeiten.
  2. Gewichtiger war die Kritik an der Auswahl der Redner. Es konnte der Eindruck entstehen, die Nicht-Roma-Redner in der Mehrzahl dominierten die Thematik. Die Gleichrangigkeit von Roma/Sinti mit den Nicht-Roma gerät aus dem von uns als Konzept angedachten  Spannungsverhältnis. Hier ist Vorsicht geboten. Wir müssen von Anfang an einer Entwicklung gegensteuern, die den Verdacht aufkommen lassen könnte, hier forschten Nicht-Roma über oder für Roma/Sinti – auch wenn die Idee einer „Zigeunerforschung“ unsererseits ausgeschlossen ist.

 

Deshalb bedarf es einer eindeutigen  Begründung unseres wissenschaftlichen Ansatzes, der eine Kooperation von Nicht-Roma-Wissenschaftlern mit Roma/Sinti-Akteuren erfordert, die vor Ort den politischen Antidiskriminierungskampf zu bestehen haben.

 

Gemeinsam ist die Zielrichtung, die antiziganistischen Denksystem der Mehrheitsgesellschaft in Frage zu stellen und im Hinblick auf die Integrationsbehinderungen zu bekämpfen. Jede Seite tut dies mit eigenen Mitteln, beide aber kooperieren in der begrifflichen Einschätzung der gesellschaftlichen Situation.

 

Die „politischen Akteure“ arbeiten vor Ort in komplexen Situationen, sind konfrontiert mit spontanen Ereignissen, die jeweils singulär sind, mit Personen, die über individuelle Erfahrungen verfügen und je persönlich geformte Bedürfnisse haben. Die Menschen erleben permanente Diskriminierungen und wünschen sich zugleich ein gutes Leben.

 

Die „Wissenschaftler“ müssen mit ihrem wissenschaftlichen Forschungsansatz auf diese besondere Lebenslage mit adäquaten Mitteln reagieren, d.h. die Erlebnissprache in der wissenschaftlichen Sprache zum öffentlichen Ausdruck bringen.

Dies geht nicht in fachdisziplinären Termini (Begriffen) allein. Fachwissenschaftler (Historiker, Literaturwissenschaftler, Erziehungswissenschaftler, Kulturwissenschaftler, Ethnologen, Psychologen und Soziologen u.a. ) erforschen jeweils ihren eigenen Forschungsgegenstand, teilweise auch interdisziplinär.

Diese Forschungen sind wichtig und in ihrer perspektivischen Sicht auch erkenntniserhellend, aber sie bleiben ihrem je spezifischen Forschungsgegenstand verhaftet.

 

Die Fragen einer umfassenden alltäglichen Diskriminierungserfahrung von Menschen einer verfolgten Minderheit aber betreffen Problemstellungen, die diese fachdisziplinären Denkansätze überschreiten.

Es geht hier um Fragen einer prinzipiellen  „Unverfügbarkeit“ von Menschen, um Menschenrechte, die der „Verobjektivierungpraxis“ der gesellschaftlichen Institutionen ausgehebelt werden. Es geht um mentale Ächtung und Vernichtungsphantasien, ja auch praktische Tötung, und es geht zugleich um Glückserwartung, um Liebeswünsche und Gerechtigkeit.

 

Der Forschungsansatz von EZAF erhebt den Anspruch, auf diese komplexe Lebenssituation mit ihren wissenschaftlichen Mitteln adäquat reagieren zu können und  kooperationsfähig zu sein. Die Begriffe schneiden aus dem Gesamt nicht selektive Teile aus, sie betrachten die Lebenswirklichkeit diskriminierter Menschen nicht neutral von einem Außenstandpunkt sondern von einer ethischen Grundhaltung aus, die von der prinzipiellen Unverfügbarkeit des Menschen ausgeht. Sie verkünden nicht Wahrheiten sondern erarbeiten Fragen, die zu neuen Fragen führen – mit dem Ziel, Verkrustungen gesellschaftlicher Diskurse aufzubrechen.

In diesen Dialog werden auch fachdisziplinäre Forschungen (beispielsweise empirische Untersuchungen zum Mentalitätsfragen, Bevölkerungsstatistiken, historische Daten etc) einzubeziehen sein.

 

EZAF forscht nicht über Sinti/Roma, auch nicht für sie, sondern mit ihnen gemeinsam. Wir respektieren die historisch begründeten Vorbehalte der Minderheitspopulation gegenüber der Wissenschaft. Die Wissenschaft stellt sich in den Dienst des Kampfes des Roma/Sinti-Volkes um gesellschaftliche Anerkennung und Integration bei gleichzeitiger Wahrung der kulturellen Differenz.

Dies bedeutet aber, dass die wissenschaftliche Forschung innerhalb des Roma/Sinti-Volkes von sog. organischen Intellektuellen dieser Gemeinschaft selbst betrieben wird – unter dem Gesichtpunkt, sich der eigenen Geschichte und kulturellen Lebensform zu vergewissern, nicht aber in der Absicht, diese einer Musealisierung der Mehrheitsgesellschaft auszuliefern (wie am Beispiel der australischen Aboriginals zu besichtigen ist). EZAF ist insofern auch eine Bildungseinrichtung, in der junge Roma und Sinti das wissenschaftlich Handwerkszeug zu diesen Forschungen erlernen können.

Koordiniert wird dies durch die Forschungen der EZAF-Wissenschaftler, die die antiziganistischen Denksysteme der Mehrheitsgesellschaft in den Blick nehmen.