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Wissenschaft und Antiziganismus

Wissenschaft und Antiziganismus

 

„Sinti leben traditionell seit dem 14. bzw. 15. Jahrhundert auf deutschsprachigem Gebiet. Roma sind in Deutschland später heimisch geworden. Immer wieder in der Geschichte waren Sinti und Roma Diskriminierungen ausgesetzt, wurden aus Erwerbszweigen verdrängt und aus Städten oder Regionen vertrieben. Teilweise wurden bis in dieses Jahrhundert Versuche von Sinti verhindert, in ihrer Heimatregion sesshaft zu werden. Während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft waren die Sinti und Roma Deutschlands und der von deutschen Truppen besetzten Gebiete Verfolgung und Völkermord mit dem Ziel der Vernichtung ausgesetzt. Hunderttausende von ihnen wurden ermordet, und ihr kulturelles Erbe wurde weitgehend zerstört. Von den seinerzeit amtlich erfassten 40.000 deutschen und österreichischen Sinti und Roma wurden bis Mai 1945 über 25.000 ermordet. Diese Verfolgung mit dem Ziel der planmäßigen und endgültigen Vernichtung hat die Überlebenden geprägt und wirkt sich auch auf die Angehörigen der nach 1945 geborenen Generation aus.“ (Bundesministerium des Inneren)

 

Derzeit leben ca12 Millionen Roma und Sinti in allen EU-Staaten am Rande der Gesellschaft als verfolgte Minderheit, deren Bevölkerungszahl ständig anwächst. Verweigerte Bildung und Armut bilden einen Teufelskreis, der die Menschen  in eine Art Ghettoexistenz drängt und damit zu Angriffsobjekten einer zunehmend ökonomisch und sozial frustrierten Mehrheitsbevölkerung macht.

 

Dieser Jahrhunderte alte sog. „Antiziganismus“ ist auch noch heute in der Mehrheitsbevölkerung manifest verankert und äußert sich – im Unterschied zum „Antisemitismus“ und ungeachtet politischer Stellungnahmen - ziemlich ungefiltert und unverarbeitet in öffentlichen und privaten Diskursen, aber auch im Handeln und in Entscheidungen gesellschaftlicher Institutionen.

 

Unter „Antiziganismus“ versteht man im allgemeinen eine „rassisch begründete Ablehnung von Sinti und Roma...Diese Haltung zeigt sich ebenso in der Diskriminierung und Dämonisierung der Minderheit wie auch in der Verklärung des ‚lustigen Zigeunerlebens’“[1]

 

Das Problem des Antiziganismus ist aber nicht das Problem der Roma und Sinti, es ist das Problem des zivilen Zusammenhalts und Selbstverständnisses einer demokratisch verfassten Mehrheitsgesellschaft. „Rassismus“, schreibt der bekannte Historiker Wolfgang Wippermann, „ist...dem Rost vergleichbar. Wenn man ihn nicht sofort beseitigt, frist er sich durch die gesamte Gesellschaft“[2].

Das Problem entfaltet  im Untergrund der Gesellschaft eine Sprengkraft, deren Wirkungen unabsehbar sind, wenn sie nicht in einer Art Frühwarnsystem politisch und wissenschaftlich sensibel erfasst und in Zusammenarbeit mit den Betroffenen auf zivile Weise in eine humane Entwicklung der Gesellschaft produktiv umgeleitet werden.

 

Nach Victor Hugo haben Themen ihre historische Zeit. Die Zeit für eine politische und wissenschaftliche Beschäftigung mit dem in der Bundesrepublik, in Europa und weltweit grassierenden Antiziganismus ist überfällig.

 

Und hier entsteht die Notwendigkeit, sich mit der Art und Weise politischen und wissenschaftlichen Denkens kritisch auseinander zu setzen. Zu diesem Behufe ist das „Europäische Zentrum für Antiziganismusforschung“ entstanden.

Trotz unterschiedlicher Intentionen gehen Wissenschaft und Politik von einer gemeinsamen Grundannahme aus: Sie tendieren dazu, die Menschen zum Gegenstand politischer Maßnahmen und wissenschaftlicher Analyse zu verobjektivieren.

Der Präsident des European Roma and Traveller Forums, Rudko Kawczinski, der die Interessen der Rom und Sinti im politischen Raum der EU vertritt, schreibt zur Planung der Dekade der Roma-Integration: „Man kann den Antiziganismus nicht dadurch bekämpfen, dass man an der Opfern herumdoktert....Sicher geht es darum, die sozialen Missstände für Roma abzuschaffen, doch das sind nur Symptome. Vor allem muss das Grundübel bekämpft werden, der Antiziganismus.“ [3]

 

Auf der Seite des wissenschaftlichen Denkens geht es darum, von der tradierten Form einer verobjektivierenden „Zigeunerforschung“ radikal Abschied zu nehmen.

Bekanntlich haben Wissenschaftler – nicht erst, aber doch in besonders furchtbarer Weise in der Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus - unter dem Signum der „Zigeunerforschung“ mit offenbar reinem Gewissen und „wissenschaftlichem“ Anspruch diskriminierende „Ermittlungen“ über Menschen – zuweilen auch unter Polizeischutz – empirisch erhoben und zur mentalen Begründung einer brutalen Vertreibungs- und Vernichtungspolitik verwendet.

Auch heute noch werden z.B. von selbst ernannten „Tsiganologen“ ethnische Studien über „zigeunerische Lebensweisen“ durchgeführt und damit soziale Verhaltensweisen zu einem ethnischen Habitus verobjektiviert, der Roma und Sinti zu „Objekten einer Sozialarbeit“ degradiert.[4]

 

Um die Problematik des vergegenständlichenden Denkens im Bereich des politischen Handelns und der wissenschaftlichen Forschung besser verstehen zu können, bedarf es eines kurzen Exkurses in die Entstehungsgeschichte des Denkens der Moderne.

Seit Descartes und Galilei sind wir gewohnt, das Denken von dem, worüber gedacht wird, zu trennen (ego cogitans – res extensae). Das Wissenschaft treibende Subjekt versteht sich als dem Forschungsgegenstand „gegenüber“ stehend. Es nimmt den „Gegenstand“ in den Blick, schreibt ihm Strukturen ein, die ihn für institutionelle, ökonomische, kulturelle, soziale  und politische Interessen verfügbar macht. Das forschende Subjekt steht jeweils „außerhalb“, womit das umschrieben wird, was man als „Freiheit der Wissenschaft“ zu nennen pflegt (und was nebenbei gesagt auch zur „Gewissenlosigkeit“ nationalsozialistischer Forscher beigetragen hat.) M.a.W. das wissenschaftlich forschende Ich (ego cogitans) fixiert  von einem Standpunkt außerhalb – quasi wie ein unbeteiligter Zuschauer – den Gegenstand (res extensae) seines wissenschaftlichen Interesses – und er tut dies mit den überkommenen Methoden einer wissenschaftlichen Disziplin (als Physiker – den physikalischen Gegenstand, als Pädagoge – das lernende Individuum, der Sozialwissenschaftler – den homo sociologicus etc.). Das forschende Subjekt wird, so wendet Martin Heidegger gegen diese Art wissenschaftlichen Denkens ein, zur „Maßgabe für alle Maßstäbe, mit denen ab- und ausgemessen (verrechnet) wird, was als gewiss, d.h. als wahr und d.h. als seiend gelten kann.“[5]

Der französische Philosoph Michel Foucault hat in seinen „archeologischen“ Studien[6] das Zusammenwirken von wissenschaftlichem Denken und politisch institutionellem Handeln seit dem 18. Jahrhundert herausgearbeitet. Dieses Zusammenwirken, das im Nationalsozialismus zu einer furchtbaren Symbiose degenerierte, ist auch heute noch nicht wirklich überwunden, weshalb die Studien Foucaults nach wie vor relevant sind.

Machen wir es kurz: Wir müssen aus dem Gefängnis des verobjektivierenden, verrechnenden, steuernden Denkens im Bereich des politischen Handelns und der wissenschaftlichen Forschung ausbrechen. Wir müssen lernen, „anders ( zu) denken, als man denkt“ (M.Foucault[7]). Wir müssen verstehen lernen, „die Dinge von der Mitte her zu sehen, statt von oben auf sie herab zu sehen oder von unten zu ihnen hinauf oder rechts nach links oder umgekehrt. Versucht es, und ihr werdet sehen, dass sich alles ändert“, ermutigen uns die französischen Denker Gilles Deleuze und Felix Guattari[8]. Gemeint ist damit, den Standpunkt des außen stehenden freien Subjekts in seiner verkürzten zentrierenden disziplinären Optik  zu verlassen und sich auf die Ereignisse und Begegnungen offen einzulassen.  Die Erkenntnis, dass Menschen nicht verobjektivierbar und also verfügbar  sein dürfen, hat der französisch Denker Emmanuel Levinas[9] aus der Ermordung seiner Eltern in einem nazistischen Vernichtungslager gewonnen, aber auch, dass es dazu einer fortwährenden  politischen Anstrengung bedarf, eine gerechte Gesellschaft zu entwickeln.  Was darunter zu verstehen ist, hat uns der Wirtschaftwissenschaftler und Nobelpreisträger Amartya Sen gelehrt: Wir sollten „für die Schaffung von Bedingungen eintreten, unter denen die Menschen eine echte Chance haben, die Lebensweise zu beurteilen, die ihnen zusagen würde. Soziale und wirtschaftliche Faktoren wie elementare Bildung, ausreichende Gesundheitsfürsorge und ein gesicherter Arbeitsplatz sind nicht nur in sich wertvoll, sondern auch weil sie den Menschen die Chance geben, der Welt mit Mut und im Bewusstsein ihrer Freihit entgegenzutreten.“[10]

Damit ist das wissenschaftliche Programm des „Europäischen Zentrums für Antiziganismusforschung“ (EZAF) knapp umschrieben:

1. Sinti und Roma, bzw. ihre Lebensweisen etc. sind nicht Gegenstand unserer Forschung, wir untersuchen vielmehr die diskriminierenden Denkweisen in den gesellschaftlichen Institutionen, die ihrerseits Roma und Sinti in ihren Handlungen, Entscheidungen und Bewertungen zu Handlungsobjekten verobjektivieren.

 

2. Wir forschen nicht über Sinti und Roma, auch nicht für sie, sondern mit ihnen. EZAF ist ein Forschungs- und ein Bildungszentrum, in dem junge Roma und Sinti wissenschaftliches Denken lernen können, das sie zu „organischen Intellektuellen“[11] ihres Volkes in seinem Kampf um Anerkennung werden lässt.

 

3. Die Antiziganismusforschung hat auch einen „Gegenstand“: die diskriminierenden Denkweisen einer institutionell verfassten Gesellschaft. Der Forschungs-„Gegenstand“ ist lokalisierbar an den Schnittpunkten, in denen die Roma- und Sintigemeinschaft mit den Institutionen der Gesellschaft (Schule, Polizei, Justiz, Medien) zusammentrifft.

Es ist aber ein besonderer „nicht gegenständlicher Gegenstand“, den Foucault als „Dispositiv[12] und Deleuze als „Rhizom“ beschreiben. Man versteht diese merkwürdigen „nicht gegenständlichen Gegenstände“ am besten in der Unterscheidung zum Begriff der „Struktur“. Eine „Struktur“ wird im traditionellen Wissenschaftsverständnis als ein Ensemble festgestellter Punkte und Positionen von einem Standpunkt außerhalb und in Form von „Universalien“ definiert, während „Dispositiv“ ein „entschieden heterogenes Ensemble“ beschreibt, „das Diskurse, Institutionen, architekturale Einrichtungen, reglementierende Entscheidungen, Gesetze, administrative Maßnahmen, wissenschaftliche Aussagen, moralische oder philanthropische Lehrsätze, kurz: Gesagtes ebenso wohl wie Ungesagtes umfasst. Soweit die Elemente des Dispositivs. Das Dispositiv selbst ist ein Netz, das zwischen diesen Elementen geknüpft werden kann.[13] Ergänzend dazu Gilles Deleuze’s Rhizom, das sich pragmatisch aus „Vielheiten und Ensembles zusammensetzt“[14], die nicht in „Seins“-Begriffen definiert , sondern in „Werdens“-Begriffen verstanden werden müssen.

 

4. Als Forscher sind wir in die rhizomatischen Dipositive involviert, in denen wir auf Menschen treffen, die in diesen Dispositiven als Handelnde und Behandelte verstrickt sind. Wir stehen ihnen nicht gegenüber. Wir sind Fragende und unsere Forschung hat dann bereits einen Erfolg, wenn es uns gelingt, in den Individuen, die in den rhizomatischen Dispositiven verwickelt sind, diese Fragen selbst zu implementieren, d.h. die sich zu Strukturen verfestigenden beweglichen Elemente wieder „fragwürdig“ zu machen. In unserem Sinne führen Fragen nicht zu Antworten sondern zu neuen Fragen; Probleme werden nicht unter dem Gesichtspunkt von Lösungen angedacht sondern auf ihre Fragwürdigkeit hin – und damit als handlungsstimulierend   angedacht.

 

5. In diesem Sinne verstehen wir uns als Forscher in der Verantwortung des Anderen, eine Verantwortung jedoch, die uns der Andere durch sein pures Dasein auferlegt, die wir nicht wählen können, denn sonst könnten wir sie auch abwählen. Diese Verantwortung nötigt uns zur forschenden Analyse diskriminierende Denksysteme in den Institutionen der Gesellschaft, die die „Würde“ der Menschen, in unserem Falle der Roma und Sinti durch Vergegenständlichung, Steuerung, Bewertung, Verächtlichmachung, Vertreibung, Verfolgung und Ermordung verletzt.

 

6. Die Forschungen des „Europäischen  Zentrums für Antiziganismusforschung“ werden koordiniert mit entsprechenden Initiativen und universitären Forschungseinrichtungen auf nationaler, europäischer und weltweiter Ebene. Die Forschungsvorhaben und Forschungsergebnisse werden auf jährlich stattfinden Konferenzen koordiniert und diskutiert. Zu diesen Konferenzen sind nicht nur Wissenschaftler/innen sondern ausdrücklich auch Politiker/innen geladen, die in der EU und in den politischen Parteien und Verwaltungen vor Ort die Forschungsergebnisse in politisches Handeln umzusetzen bereit sind.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Nach einer Definition der „Gesellschaft für Antiziganismusforschung“, Marburg

[2] Wolfgang Wippermann: Wie die Zigeuner Antisemitismus und Antiziganismus im Vergleich“, Berlin 1997, S.131

[3] Rudko Kawczynski, in: Jungle Welt 5 v. 02.02.2005

[4] vgl. hierzu: Wolfgang Wippermann: Wie die Zigeuner. Antisemitismus und Antiziganismus im Vergleich. Berlin 1997, S. 201

[5] vgl. Martin Heidegger: Holzwege. Kap. Die Zeit des Weltbildes. Ffm 1950, S.101f

[6] Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge, Ffm1974; ders. Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Ffm 1977; ders. Wahnsinn und Gesellschaft, Ffm 1973

[7] „Es gibt im Leben Augeblicke, da die Frage, ob man anders denken kann, als man denkt, und anders wahrnehmen kann, als man sieht, zum Weiterschauen oder Weiterdenken unentbehrlich ist“, vgl. M.Foucault: Der Gebrauch der Lüste, Ffm 1989, S.15.

[8] in „Tausend Tableaus“, Berlin 1992, S.39

[9] Emmanuel Levinas: Jenseits des Seins und anders als Sein geschieht, Freiburg, München 1992

[10] Amartya Sen: Ökonomie für den Menschen. Wege zur Gerechtigkeit und Solodaritätin der Marktwirtschaft, München 1999, S. 81

[11] im Sinne von Antonio Gramsci, vgl.: Philosophie der Praxis, Ffm 1967, S. 405

 

[13] Michel Foucault: Dispositive der Macht, Berlin 1978, S. 119f

[14] Gilles Deleuze, Felix Guattari: Rhizom. Berlin 1977, S.25