Offener Brief an die Chefredakteurin der taz, Frau Pohl - Betreffend: Antiziganismus in der taz

Sehr geehrte Frau Pohl,

da Sie mich nicht zurückgerufen haben, erfolgt hier nun ein offener Brief, der von der taz veröffentlichte Artikel „Ich, Zigeuner“, ist nicht diskurslos hinzunehmen, da Sie mit diesem Autor und seinen Texten suggerieren, als wenn es nun doch wieder mehrheitsfähige Argumente gäbe, die einen Gebrauch des Wortes „Zigeuner“ zulassen. Dieses ist falsch. Vielmehr werden hier Birnen mit Äpfel verglichen.

Die Bürgerrechtsbewegung von fast vierzig Jahren und ein Jahrzehnt Antiziganismusforschung in Deutschland werden durch diesen Artikel konterkariert, die alle den Begriff Zigeuner als strafrechtliche Beleidigung ansehen.

Schon vor über dreißig Jahren gründeten sich der Zentralrat der deutschen Sinti und Roma und die Roma und Cinti Union und nicht der Zentralrat der Zigeuner oder die Zigeuner Union.

Der Antiziganismus ist klar an den Begriff Zigeuner gebunden und von ihm genährt. Seit dem Auftauchen des Osmanischen Reiches in Europa über die europaweite Entmenschlichung und Vernichtung während der NS-Zeit und im Deutschen Reich, wo kriminalprävention im Sinne der Nazis 500.000 Menschen ihr Leben lassen müssten, weil sie als Zigeuner klassifiziert worden sind. Mit dem feinen Unterschied, dass der Antiziganismus sich als europäischer Kulturkodes etabliert hat, von Generation zu Generation unhinterfragt weitergegeben wird, der Antisemitismus hingegen erfasst und als menschenfeindlich verdammt wird.

Im speziellen Hintergrund der aktuellen Entwicklungen in Ungarn, mit solchen Aussagen Hausieren zu gehen, ist unverantwortlich, ohne eine kritische Gegenstimme zu Wort kommen zu lassen.
Ungarn, die dortige Situation und die Entwicklung in den letzten 20 Jahren sind mir sehr gute bekannt. Meine Ehefrau kommt aus dem selben Dorf wie Tibor Racz.

Sie werden kaum Politiker der Roma, nicht Musiker oder Literaten finden, die sich als Zigeuner bezeichnen. Sie zu finden, ist aber möglich, denn auf dem Weg zur höheren Schule ist es überall so, im Ungarn extremer, dass im Laufe der Schullaufbahn entweder ein Aktivist gedeiht der sich outet, oder einer outet sich nicht und nimmt die Ansichten der Mehrheitsgesellschaft über die „Zigeuner“ an. Natürlich gibt es auch die, die schon durch ihr indisches Aussehen geoutet sind, diese müssen die Besten Antiziganisten sein um als der Gute „Zigeuner“ in den Reihen der Mehrheitsgesellschaft zu stehen und geduldet zu werden.
Es sieht aus, als wenn ein Ziganist in ihrer Redaktion wohlwollen am Gedanken fand, dass Zigeuner, Zigeuner sind und keine Roma. Keiner sagt mehr Neger, auch wenn es sicher noch Menschen gibt, die sich Nigger nennen. Die Mehrheit der afroamerikanischen Einwohner in den USA emfindet es natürlich als beleidigend und herablassend. Machen sie nicht denselben Fehler, sich hinter einigen zu verstecken, wenn sie Meisten beleidigen.
Das Problem des Antiziganismus in unserer Gesellschaft liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen. Denn in jedem stecken antiziganistische Vorurteile, diese gilt es aufzuklären und anschließend zu als das zu verdammen, was ich sind. Sie sind diskriminierend. So Plakativ es klingt, der weiterhin als halb politisch korrekt geltend will, sollte den Begriff Zigeuner als Teil des Antiziganismus begreifen und muss im korrekten menschlichen Umgang den Begriff verdammen.
Der Antiziganismus in Ungarn hat beängstigende Ausmaße erreicht. Nach der Mordserie an Roma 2011 erreicht das Ausmaß des Antiziganismus fasst das Niveau der Nationalsoziallisten. Es wird nur noch von „kriminellen Zigeunern“ gesprochen und geschrieben. Sie sind zum Sündenbock der unzufriedenen ungarischen Gesellschaft geworden und werden immer schlimmer ausgegrenzt und systematisch verfolgt wie in keinem anderen Land der EU. Besonders erschreckend ist das, weil Ungarn bis zur Machtübernahme der Rechtskonservativen Fidez und der Rechtsnationalen Jobbik, als Modellprojekt und Paradebeispiel von Roma-Inklusion und -Integration galt. Dies war das Ergebnis der jahrzehntelangen Förderung der EU und George Soros' mit seinem Open Society Fund.
Hier hat mich die taz, deren langjähriger Leser ich bin, stark und zutiefst enttäuscht. Es liegt an Ihnen, ob Sie zur Befriedung aller Mitbürger beitragen und zur Handreichung oder nur der Befriedigung herablassender Mehrheitsgesellschafter dienen, die sich begrifflich abgrenzend über historisch und aktuell verfolgte Ethnien erhöhen.

Marko D. Knudsen
Vorsitzender
Europäisches Zentrum für Antiziganismusforschung

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